Montag, 31. Dezember 2012

Mein 2012

Es mutet seltsam an, nach einem Jahr wie diesem in der Küche zu sitzen, in der ich seit zehn Jahren sitze (und manchmal auch koche, esse und trinke) und zurückzuschauen, schließlich war 2012 eins der Jahre, in dem ich so viel und weit reiste wie nie zuvor, wobei das nicht nur für die zurückgelegten Flugmeilen gilt, sondern vor allem für die Reise durch die inneren Landschaften. Eh wir anfangen, uns meine Leber als eine Art Castrop-Rauxel und meine Niere als inneres Bielefeld vorzustellen, sei klargestellt: Innere Landschaften, damit meine ich die Gegend zwischen linker und rechter Herzklappe und das, was man Gemüt nennt, und von dem keiner, den man zur Haustür einlassen würde, verlässlich sagen kann, wo es sitzt.

Aber dass es da ist und das ich einiges davon in mir trage, das wurde mir 2012 so deutlich wie selten zuvor. Es war ein Jahr mit vielen Zweifeln, mit Mut, mit Angst, deren Überwindung belohnt wurde und dem Gegenteil davon. Ein Jahr, in dem ich das "Don´t cry, work", das ich mir von Rainald Goetz mal als Tagesbeschriftung für die anstrengenden Zeiten geborgt hatte, nicht mehr als Allheilmittel erlebte, sondern als Ausweichen, als Wegdrücken dessen, was mit Macht Aufmerksamkeit fordert. Der scharfe Blick, den man nach außen richten, meint einen selbst. Die Möglichkeit, seiner Gnadenlosigkeit zu entkommen, ist, ihn anzunehmen, ihm Platz zu geben, ihn quasi auf einen Tee in die gute Stube zwischen Bielefeld und Castrop-Rauxel zu bitten und darauf einrichten, dass er länger bleibt. Und dass es besser ist, dafür zu sorgen, dass man selbst gern sein eigener Freund wäre, bevor man von Fremden erwartet, einen zu mögen.

Rauszufinden, was das für mich bedeutet, ist mein Job 2013. 

Genug philosophiert, kommen wir zum Rückblick in Bildern, dessen Öffentlichkeit hier auf dem Blog weniger mit Geltungssucht oder mangelnden Schamgefühl zu tun hat, als einem schlechten Gedächtnis. Was hier dokumentiert ist, das vergesse ich nicht. Vor allem die Umkehrung dieser Formel stimmt mich hoffnungsvoll: Möge der Seelenmüll des letzten Jahres heute Nacht mitsamt einer der 18 Tonnen Schwarzpulver, mit denen Friedrichshain gesprengt wird, entsorgt werden. 


Januar

Mein 2012 startet in Wolkenkratzerhöhe in der Bar des Sheraton in Lissabon. Die Stadt erfreut mich mit köstlichen, kleinen Schweinereien namens Pasteis de Nata, eine Art Puddingteilchen, das dort zu Centbeträgen verkauft wird. Was Gesundheitsförderlichkeit und Preis angeht, sind süße Teilchen in Portugal wohl das, was Bier für Deutschland ist. Ändert nichts dran, dass wir danach süchtig werden und wahrscheinlich auch dieser Tatsache verdanken, unseren Rückflug schlicht zu vergessen. Wir sitzen in einem Café und essen die fiesen Süßteile, als unser Flieger gerade abhebt. Glücklicherweise gibt es das Internet uns eine zweite Rückflugchance.



Februar

Da ich Ende Januar meinen letzten Tag bei local.ch habe und erst im März bei NZZ Online anfange, habe ich den Februar frei. Ohne das Wissen, demnächst arbeitslos und ohne Einkommensquelle dazustehen, ist ein "in between jobs"-Monat große Klasse. Wir feiern das standesgemäß mit dem Zelebrieren der Julianschen Insignien: Eiscreme und Affen. Man könnte auch sagen: Wir fahren nach Florida, essen buntes Eis und besuchen einen Park, in dem nicht die Affen eingesperrt sind, sondern die Menschen in Käfiggängen durch die Welt der Affen geleitet werden. Ich persönlich halte das für das zukunftsfähigste Projekt, das ich seit langem gesehen habe. Außerdem fahre ich Tragflächenboot durch Sumpflandschaften, sehe (wahrscheinlich taube) Alligatoren aus nächster Nähe und habe meine erste Golftrainerstunde. Auf dem Green sagt eine ältere Frau zu mir: "You´re from Switzerland. This makes you full-blooded Swedish." Ich verneine das höflich und erwähne, dass ich aus Deutschland komme und, dass ich, wenn überhaupt, "swiss" wäre. Sie kontert mit einer längeren Abhandlung ihrer Familiengeschichte, die sie mit "So I am full blooded Norwegian" beendet. Überflüssig zu erwähnen, dass sie in Iowa geboren wurde und aufgewachsen ist. Ich merke mir, mit blonden, älteren US-Ladies nicht mehr über meine Herkunft zu sprechen, da einiges in diesen Unterhaltungen darauf hinweist, dass sie auf Ariernachweise oder sowas Wert legen.




März


Die NZZ empfängt mich so, wie man einen neuen Arbeitnehmer empfangen sollte: Sie schickt mich auf die South by Southwest Interactive nach Austin (Texas), die mit Le Web zu den größten internationalen Veranstaltungen zum Thema Internet gehört. Eine Woche lang erfreue ich mich mit Tausenden Bloggern, Start-Up-Gründern, Tech-Journalisten, Beratern und deutschen Internetpersönlichkeiten (die ich auf der Veranstaltung selbst nicht sehe, aber bei der re:publica im gleichen Jahr mit Konferenzshirts aus Austin sehe) an großartigen Keynotes und Interviews, u.a. mit Vic Gundotra, der Google Plus eisern verteidigt und verneint, dass es eine "Geisterstadt" ist oder Al Gore, der eigentlich Sean Parker interviewen soll, aber irgendwie mehr über sein eigenes Unbehagen an den Mitteln der demokratischen Willensbildung der USA äußert, die er mit dem Internet verbessert sehen will - und es schafft, einen Saal von 5000 Leuten fast leer zu quatschen. Ich lerne "Code for America" kennen und schreibe darüber, sehe Baratunde Thurston und treffe die großartige Deanna Zandt wieder. Ich lerne, dass es Sinn ergibt, möglichst in Austin Downtown zu wohnen während der Konferenzzeit, da die Sammeltaxis spätestens an Hotel 4 ihrer Route entlang der Autobahnhotels voll sind. Ich nehme mir vor, zurückzukehren und das South By Southwest Musikfestival dranzuhängen. Höhepunkt der Reise: Essen aus einem Koreanisch-Mexikanischen Foodtruck, Tiefpunkt: Von einem Mitvierziger, mit dem ich mich freundlich (u.a. über seine Familie und Kinder) unterhalten hatte am Ende des Abends nach einem One Night Stand gefragt zu werden. Immerhin schlägt das den Ekel, den die Hauptgerichte im International House of Pancakes, in dem ich zweimal den Fehler mache, zu essen, verursachen. Dort verwechselt man Hühnchen mit Fisch, was bei der Zubereitung mit Balsamico schon ...äh...Folgen hat. Konferenzen. What can you do.


































April

















Keine besonderen Vorkommnisse. Ich spaziere durch Zürich, fahre Ostern zur Familie nach Hause und erfreue mich an der geschmückten Neuen Residenz, einer mittelalterlichen tja..äh..Residenz in der Innenstadt. Am Ende des Monats bekomme ich einen wundervollen gelben Rosenstrauß (vom Chef) und ein 7-Gänge-Menü (vm Mann), weil ich ein Jahr länger auf der Welt bin. So in der Art kann´s eigentlich weitergehen. Tut´s aber nicht.
















Mai

Wendepunkt. Ich fahre zur re:publica nach Berlin und berichte darüber für NZZ.ch. Während der Berliner Woche schaue ich am Askanischen Platz vorbei und stelle mich auf Einladung von Wolfgang Blau dem Führungsteam von ZEIT ONLINE vor. Es gibt eine Stelle zu besetzen und Wolfgang, den ich bis dahin nur über Social Media-Kanäle kenne, meint, das wäre was für mich. Nach den Gesprächen in Berlin denke ich das auch. Die Wochen danach werden ein ziemliches Tauziehen und erschöpfend. Vieles spricht dafür, in Zürich zu bleiben. Vieles spricht für Berlin. Am Ende gewinnt die ewig junge Stadt. Außerdem im Mai: Hochzeit von Christiane und Moritz Adler, der mich erst aus Berlin nach Zürich geholt hatte - natürlich via Twitter. Konsequenterweise hat dieses (großartige) Fest dann auch einen Hashtag.

















Juni

Vor dem Neustart in Berlin wartet ein Wochenende in Stockholm. Ich kenne Schweden nur von einer Klassenfahrt 13 Jahre zuvor. Vorherrschende Erinnerung: Unsere Gastgeber brachten beim gemeinsamen Clubbesuch ihren Alkohol selbst mit und versteckten ihn in den Büschen vor der Lokalität, um dann draußen zu trinken, weil ein Bier ungefähr soviel kostete wie eine Brauerei in Deutschland. Gefühlt! Ich war ja damals sehr jung. Mein neuerlicher Schwedenbesuch ist deutlich weniger geprägt von Beobachtungen zum Thema Alkohol, dafür gibt es eine Tagestour auf eine dieser Inga Lindström-Inseln und viel Gestiefel durch die Altstadt. Wundervoll.
























Juli

Ankommen in Berlin, sich darüber freuen, die Stadt wieder mit Menschen, die Godzilla als Rucksack benutzen, zu teilen. Fahre das erste Mal zum Stammsitz der gedruckten ZEIT, an den Speersort nach Hamburg. Fahre zum Paleo-Festival nach Nyon bei Genf. Verliebe mich in französische Wochenmärkte und denke, dass das nun das Alter ist.














August

Sommerpause.





















September

 Berlin Festival. Eine Wochenende auf Usedom. Eine Hochzeit in Mala Skala, dank Navigationsgerät finden wir hervorragend hin und entdecken auf dem Rückweg das zauberhafte Polen, da uns Brücken als befahrbar angezeigt werden, die gesperrt sind. Ich bemerke unsere Abwege am Radioprogramm und an den Fahren am Straßenrand. Viele Wege führen nach Berlin, wir kommen an. Im September stirbt die Mutter meines Vaters. Ich erfahre das im Büro und circa 10 Minuten schaffe ich es, nicht zu weinen. Im September gibt es außerdem mit mittelgroßem Knall das Ende einer Freundschaft, die, realistisch betrachtet, nie eine war.
Ich mache das, was sich in Krisen bewährt hat: Ich bastle einen Soundtrack für die Stille nach dem Schluß.















Oktober


Beerdigung zu Hause. In Berlin versuchen, zur Ruhe zu kommen und sich abzulenken. Großartig dafür: Kostümfeste. Begehe Halloween als Bettina Wulff, da ich einen Grund brauche, ein reichlich überflüssiges, schulterfreies Kleid zu kaufen.












November


Mein erster Bundesparteitag der Piraten. In Erinnerung bleibt mir die Hüpfburg, das Interview mit Rainer Langhans (er war Pirat, bevor es die Piraten gab, sagt er), ein langer, langer Tisch mit Presse und meine Fähigkeit, das W-Lan an einem HP zu aktivieren. Ein Google Hang-Out mit Johannes Ponader, ein Wochenende in Bochum. Eine Partei, die ihr W-Lan "Wählt die Piratenpartei" und das Passwort "WirHabenKeineDelegierten!" nennt. Reise nach einem vollen Wochenende ab und lande etwas hart in der Realität in Berlin. Viel Selbstbefragung, viel Nachdenken darüber, was anders werden  muss. Beides hält an.

Dezember
                                            
























Im Dezember hatte ich vor, nach einem halben Jahr Abstinenz Zürich mal wieder einen Besuch abzustatten und vor allem die Leute wiederzusehen, die ich in meiner Schweizer Zeit lieb gewonnen hatte. Das Wetter in Zürich und Air Berlin fanden, der Plan sei nicht so gut und cancelten die Maschine, die mich zu einer Monate lang vorbereiteten Verabredung ins Café Zähringer hätte bringen sollen. Better luck next time! Außerdem brachte der Dezember eine Wochenendreise nach Celle, um die Freundin zu treffen, die in Duisburg lebt und uns beiden einen 6 Stunden-Trip zu ersparen. Das macht uns unheimlich rational, ist die Bestätigung meiner vorzeitigen Alterung und der Beweis, dass wir irgendwann alle so werden wie unsere Eltern. In meinem Fall bedeutet das glücklicherweise, eine Schwäche für Fachwerkhäuser, Weihnachtsmänner auf Segways und Hotels mit langem Frühstück zu haben. Was der Dezember auch brachte, war die Bestätigung, dass meine Freunde das sind, was zwischen mir und dem Weltende steht. Freunde und Yoga. Und Backwaren. In diesem Sinne: Mehr davon 2013, bitte.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Einheit

Ich sitze vor dem Fernseher, später als ich es normalerweise darf. Meine Eltern stehen im Zimmer, wir schauen auf den Bildschirm und sehen Menschen, die fröhlich durch eine Nacht in einer anderen Stadt tänzeln. Ich verstehe nicht soviel davon, was da passiert. Ich höre immer wieder das Wort "Wahnsinn"

Ein paar Wochen später ziehen wir um, aus der Platte in ein Haus hinter einem See am Wald. Die Schule ist nur einmal über die Straße entfernt. Das Schulhaus hat hohe Fenster und ist alt, keines der Sorte, in die ich vorher ging und dessen Schnitt in allen Städten des Landes gleich ist, so dass man sich, steht man aus welchen Gründen auch immer in einem anderen Exemplar vom Schultyp "Erfurt", sich sofort in diesem Standard-Bildungsplattenbau auskennt.

Es gibt noch einen Fahnenappell ein paar Wochen lang. Einmal in der Woche gehen wir mit einer Uniform in die Schule (Rock, Bluse, Halstuch, Käppi), stehen im Kreis auf dem Schulhof, eine Fahne wird gehisst und ein Erwachsener zählt auf, wer sich bewährt hat und wer sich schlecht verhalten hat, weil er gegen die Pionier-Gebote verstoßen hat.

Nach ein paar Wochen ist die Musiklehrerin verschwunden. Noch ein paar Wochen später die Direktorin. Ich höre das erste Mal das Wort "Staatssicherheit".

Dann gibt es keine Appelle mehr.

Während manche noch auf ihren Telefonanschluß warten, gibt der erste Junge aus der Klasse mit seinem Videorekorder an. Die Eltern arbeiten, lassen uns in Ruhe Kind sein und uns nicht merken, ob und welche Unruhe sie umtreibt. Irgendwann verlieren manche ihre Arbeit. Das Haus, in dem meine Mutter gearbeitet hat, wird abgerissen.

Ich höre das erste Mal das Wort "Treuhand".

Wir werden alle groß und zusammen mit anderen wechsle ich auf ein Gymnasium im Neubaugebiet in der Nähe des Parks, in dem ein Schlößchen steht, mitten unter Dreizehngeschossern.

Im Geschichtsunterricht fragt man uns irgendwann, ob die DDR ein totalitärer Staat war. Fangfrage. Wir antworten das, was wir glauben, dass unser Gegenüber es hören möchte, je nachdem, wer dieses Gegenüber ist. Die Erwartungen unterscheiden sich je nachdem, mit wem man spricht. Später lernen wir, manchmal zu schweigen. Noch später lernen wir, dass das Schweigen uns nicht hilft.

Nach einigen Jahren gehe ich nach Berlin, aber ich erhalte auch eine Zusage aus Dortmund. Ich treffe und freunde mich mit Menschen aus Schleswig-Holstein, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg an. Ich bereise Europa und die USA und bin mit 25 weiter weg von zu Hause gewesen als meine Eltern mit 40.

Mein Weg liegt vor mir und er liegt in meiner Hand. Nicht in der meiner Herkunft.

Dafür bin ich am 3. Oktober dankbar.





Sonntag, 30. September 2012

Klassentreffen

"Du kamst zu uns in die Klasse ein paar Monate, nachdem die Schule begonnen hatte. Und du hast ein halbes Jahr alle verprügelt."

Ich habe es, wenn überhaupt, anders herum in Erinnerung.

Zehn Jahre Abitur, achtzehn Jahre Grundschule. Ein Treffen u.a. mit den Menschen, die mich nach meinen Eltern am längsten kennen. Oder mit denen ich bekannt bin. Und wir erzählen uns Versionen der Vergangenheit und suchen nach Schnittmengen. Die Lehrer. Die Reisen. Die Blamagen. Nicht unsere eigenen, sondern die von denen, bei denen wir uns darauf einigen können, dass sie anders waren und es ok ist, darüber zu grinsen: "Dass er Hosenträger trug, war das eine, aber das mit der Wurst, die er jeden Mittag aß, war echt widerlich."

Und niemand sagt, wie es ihm wirklich ging. Kaum jemand, wie es ihm geht.

Wir fragen nicht: "Bist du glücklich?", wir fragen "Wo arbeitest du?", "Hast du einen Freund?", "Hast du ein Kind?", "Wo wohnst du?"

Als wären da ein Mechanismus, der diese Dinge koppelt, das Glück und die Art, wie und mit wem man sich durch die Zeit bewegt.

Wir haben das Meiste der Zeit, die wir jemals miteinander verbringen werden, schon hinter uns an diesem Abend. Und es ist ein Versuch, in dieser Zeit zu lesen und uns daraus Erzählungen zu stricken, die das, was wir heute sind oder als das wir gelesen werden, folgerichtig machen.

"War ja klar" sagt M. als ich ihr auf ihre Frage, was ich so mache, sage, dass ich Journalistin bin.

Ach so?

"Ja, du warst ja immer gut in Deutsch."

Stimmt. Und gut in Geschichte und Englisch. Mir war gar nicht klar, was ich werde damals als ich M. das letzte Mal sah. Und ziemlich oft denke ich, so richtig weiß ich das noch immer nicht. Und meistens ist das sehr ok, denn ich mache das, was erfreut und seine Frau nährt.

Aber ob ich schon bin, was ich mal werde, das weiß ich nicht.

Ich bin recht sicher, ich möchte, dass es nicht so ist.


Donnerstag, 27. September 2012

Einschlag

Ich habe von ihr die Nase, die Vorliebe für Schnapspralinen geerbt und einem Hang, die Oberfläche mit Make-Up zu polieren, egal wie´s drunter aussieht.

Mittwoch ist sie gestorben. Es auszusprechen und aufzuschreiben macht es realer. Und trotzdem bleibt der Unglaube. Wenn eine geht, die da war, solange man sich erinnern kann.

Ein Gedanke vorhin: An den Beziehungen, die wir knüpfen und in die wir geboren werden sollte ein Zettel hängen mit einer Zahl: "Ich werde dich soundosviel Prozent deines Herzens kosten wenn ich gehe"

Als ob es verhindern würde, dass man diesen Handel eingeht.

Vorerst Durchhalten. Blick heben.


Sonntag, 9. September 2012

Filter Bubble Tea

Wie unvoreingenommen können wir Begegnungen im Internet erleben? Ich frage für eine Erfahrung von heute morgen. Meine Freundin Kathrin bloggt als portraitzentrale.de über Menschen, die ihr im Netz über den den Weg laufen und die sie interessant findet. Ich hatte das Vergnügen, zu dieser Gruppe zu gehören. Das Prinzip Portraitzentrale geht so: Kathrin besucht dich, fragt dich Sachen, guckt sich an, wie du wohnst oder arbeitest, fasst ihre Eindrücke und Zitate von dir in einem Portrait zusammen und bloggt es. Wer zuletzt portraitiert wurde, gibt Kathrin im Gespräch einen Tipp, wen sie als nächstes anschauen sollte.

Diese Idee hat bisher Portraits einer illustren Runde aus Bloggern und sonstwie mit dem Netz verbandelten Menschen hervorgebracht: Paul Fritze, Don Dahlmann, Heiko Hebig, Jan-Uwe Fitz und andere.

Ich mag die Idee, weil ich Menschen hinter ihren Avataren kennenlerne, weil ich Kathrins Blick für Details mag und den Fakt, dass ich auch sie als Autorin immer klar erkennen kann. Und hey- wer sonst würde sich in meine mit Affendevotionalien vollgestellte Küche setzen, um mit mir über CSU-Politiker auf Twitter zu sprechen?

Vielleicht bin ich also voreingenommen, aber das, was heute nach Kathrins letzten Posting auf dem Blog auf Twitter losging, erstaunte mich.

Kathrin hatte, nach einer Bemerkung ihres zuletzt Portraitierten, dem deutschen Internet fehle eine starke konservative Publikationsfigur, den bei Springer für "Public Affairs" und damit zu Recht als Cheflobbyisten bezeichenbaren Christoph Keese für ein Portrait ausgewählt.

Christoph Keese tritt im Rahmen seiner Tätigkeit als Fürsprecher und Treiber des Leistungsschutzrechts auf. Das Leistungsschutzrecht nervt - meiner Meinung nach zu Recht - viele, die an einem möglichst unkomplizierten Informationsfluß im Netz interessiert sind.

Das #LSR in Kürze, im Fall einer der drei Leser hier hat die letzten zehn Jahre in einem Erdloch in China verbracht: Aus der Sicht der Verlage ist das Verweisen auf ihre Inhalte Abzocke, schließlich hat die Suchmaschine oder die Website, die einen Link zu einem Verlagsprodukt setzt, dieses Produkt nicht bezahlt. Deswegen verlangen sie die Etablierung eines Leistungsschutzrechts, das diejenigen, die auf ihre Inhalte hinweisen, dazu verpflichtet, dafür zu bezahlen. Aus Sicht der Gegner dieser Haltung kann in der gleichen Logik eine Stadt Geld dafür verlangen, dass es Wegweiser zu ihr gibt. Sehr schön zusammengefasst, hat das, was am Leistungsschutzrecht so falsch ist, Kai Biermann für ZEIT ONLINE (meinen aktuellen Arbeitgeber).

Man muss vom Leistungsschutzrecht nichts halten, die Frage ist, ob der Fakt, dass es vielen Bloggern und Netzpublizierenden missfällt, dazu genügt, ein Portrait Christoph Keeses auf einem Blog, per se und ganz und gar abzulehnen, wie dies am Morgen der Veröffentlichung auf Twitter abzulesen war.




Die Vehemenz mit der Jens hier streitet, hat mich erstaunt. Ich habe nicht vor, mich inhaltlich seinen Aussagen zu widmen. Dazu weiß ich schlicht zu wenig über die Gemengelage der Leistungsschutzbefürworter und -gegner und den Payrolls, auf denen sie in Wahrheit oder vermeintlich stehen. Dass Keese offen für das #LSR kämpft, ist bekannt und auch, dass er es im Auftrag des Springer-Verlags macht.

Was man an Jens beobachten kann, ist meiner Meinung nach das Zerplatzen seiner Filter Bubble. Kathrins Blog läuft in seinen RSS-Reader. Er schenkt ihr die wertvollste Währung des Netzes (are you listening, #LSR-Befürworter?): Eyeballs. Aufmerksamkeit. Die Portraitzentrale gehört zu dem Inhaltemix, den er sich aus Millionen von Angeboten zusammenstellt. Und dann taucht da die Person auf, die da- aus seiner Sicht - nichts zu suchen hat, weil sie von der "anderen" Seite ist. Die Seite, die alles dafür tut, um das Privileg, mit Inhalten Geld zu verdienen, direkt an Verlage zu binden. Die Seite, die dafür sorgt, dass Blogger darüber nachdenken müssen, ob Verlinken überhaupt noch rechtens ist. Obwohl erst Links das Netz zu einem Netz machen und nicht zu einer Ansammlung von ...tja...Wollknoten, die ins Nichts führen.

Ich verstehe Jens´ Wut weil sie das bestätigt, was ich als Confirmatin Bias im Forbes-Blog von Deanna Zandt gelesen habe. Zu übersetzen ist das mit Selektiver Wahrnehmung: Jede Information, die wir - auch im Netz- aufnehmen, dient im Grunde dazu, bereits bestehende Meinungen zu stützen:

"If I see evidence that supports what I already believe, I will support that evidence. If the evidence is neutral, I will interpret it in a way that supports what I believe. And, if the evidence completely contradicts what I believe, I will discount the evidence, dig my heels in deeper and keep believing what I want."

Bei aller Ablehnung der Haltung Christoph Keeses qua Amt steht im Portrait selbst nämlich ein Punkt, der das Vorurteil des am Netz desinteressierten Verlagsapparatschiks zumindest teilweise in ein anderes Licht rückt (so es denn stimmt): 

„Der schleichende Moment war, als mir eines Morgens auffiel, dass ich mehr (amerikanische) Blogs lese, als ich klassische Presse lese. Was mich persönlich interessiert – Physik, Wissenschaft, Geschichte, Lyrik, Publizistik – wird in der Blogosphäre besser abgebildet. An dem Tag habe ich gesehen, dass das kein Zufall ist, sondern systembedingt.“

Hey, der Typ liest Blogs. Der hat realisiert, dass sich an der Art, wie Menschen publizieren und Informationen konsumieren was geändert hat, dass Verlage längst nicht mehr die Platzhirsche sind. Oder nicht? Dann fordern wir ihn doch heraus, fragen ihn, was das für Blogs sind und wie das zusammengeht: Auf Biegen und Brechen alte Wege, Geld zu verdienen, stützen zu wollen, ohne anzuerkennen, dass das Netz - und die Blogs- schnelles, unkompliziertes Verlinken notwendig machen - auch wenn Gottverdammtnochmal ein paar Google Ads auf der Seite, die es betrifft, geschaltet sind. 

Das könnte man Keese fragen. Oder man übt sich in verbalen Ohrfeigen.

Es ist so, dass ich die Vorbehalte gegen den Verlag, die aus seiner publizistischen Historie stammen, nachvollziehen kann (mal abgesehen von der Anti-LSR-Haltung, die ich teile). Ich lese derzeit die sehr detaillierte Ulrike Meinhof-Biographie von Jutta Ditfurth. Die Art, wie der Springer-Verlag die APO und die Studentenbewegung der späten Sechsziger gerade in Westberlin dämonisierte und darstellte, hat nichts mit der Art von Presse zu tun, wie sie konstituierend für eine Demokratie wirkt. Die Art, wie Springer publiziert, unterstütze ich nicht. 

Aber die Frage ist, wie wir miteinander umgehen, solange wir uns ein Internet teilen. Ignorieren? Beschimpfen?

Deanna Zandt bloggt, dass ein Weg, tiefe Gräben zu überwinden, darin besteht, Geschichten zu erzählen und von den Emotionen zu berichten, die diese Geschichten leiten und begleiten. Sie führt als Beispiel die US-Debatte über die Ehe für Homosexuelle an, in der, bewegt von den persönlichen Geschichten der Befürworter, auch einige der Gegner den Punkt der Gegenseite sehen konnten.  

"The magic that happens when we share stories with one another comes from our human wiring to empathize with one another. To walk in each others’ shoes and have our capacity for understanding broadened just a little bit. The unfortunate nature of political systems don’t necessarily promote authentic, empathetic sharing, but we can recognize it and celebrate it when we see it."

Womit sie eine Chance und zugleich eine Grenze der Befriedung unserer Netzsphären aufzeigt: Je tiefer die politischen Gräben, umso schwieriger die Handreichung über den Zaun.

Das Portrait von Christoph Keese, der uns die Geschichte erzählt, dass er selbst Blogs liest und Gottverdammtnochmal auch schreibt (und das wohl kaum, ohne irgendwann mal zu Googlen  und hey - dafür nichts an die Verlinkten zu zahlen), böte Anlass, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber offenbar ist die Frage um das #LSR eine, die tiefe politische Überzeugungen berührt- so tief, dass das Teilen von Geschichten obsolet wird.


Sonntag, 12. August 2012

Landmarken

Vor zehn Jahren habe ich Abitur gemacht und zog nach Berlin, um Publizistik zu studieren. Ich kannte in der vier Millionen Stadt genau niemanden. Ich wohnte in einer Hochparterre-Wohnung mit Ofenheizung am Bahnhof Lichtenberg. Zur Uni waren es anderthalb Stunden - ein Weg. Wenn ich abends nach Hause kam, war die Wohnung kalt. Ab und zu schlief ich in meinem Wintermantel, weil der Ofen es nicht rechtzeitig geschafft hatte, die Wohnung wieder zu heizen. Irgendwann klopften nachts drei glatzköpfige junge Männer an mein Fenster, die mich nach "Rodney" fragten. Kurze Zeit später zog ich nach Friedrichshain, in eine Wohnung, die ich mir beim aktuellen Mietspiegel in meinem Viertel nicht mehr leisten könnte.

An der Uni bestand mein Ankommen darin, die ersten sechs Wochen mit niemanden außer den Frauen an der Essensausgabe der Mensa zu reden. Ich verlief mich in dem Wirrwarr aus Gebäuden und Instituts-Standorten und verbrachte meine Pausen damit, von Lankwitz nach Dahlem zu fahren und zurück.

Meine Einführungsvorlesung in Publizistik war davon geprägt, dass den restlichen 300 Anwesenden und mir von zwei Vertretern des akademischen Mittelbaus mitgeteilt wurde, wir seien mit großer Wahrscheinlichkeit nicht smart oder willens genug, dieses Studium durchzustehen und sollten unsere Studienplätze doch direkt freigeben. Vier von fünf der Studienbeginner dieses Fachs würden keinen Abschluss darin erreichen, weil sie vorher abbrächen.

Richtig motivierend war das nicht.

Was folgte, war ein Studium inmitten WasmitMedien-Menschen, die nichts sehnlicher wollten, als eine Karriere vor einer Kamera, ein Hauen und Stechen um Seminarplätze an einem gnadenlos unterbesetzen und unterfinanzierten Institut, an dem während meiner Studienzeit drei Lehrkräfte starben, zwei davon Professoren, die das Institut aufgebaut und thematisch stark geprägt hatten, was eine Lücke hinterließ, die über nicht mehr zu kontrollierende Hausarbeiten weit hinausging.

Im zweiten Semester gab es eine Gastvorlesung, zu der der damals noch amtierende Intendant des Deutschlandfunks Ernst Elitz und der Chef des Tagesspiegels Giovanni di Lorenzo eingeladen waren. Elitz eröffnete die Vorlesung, indem er uns Studierenden im Audimax erstmal erklärte, wer in seinen Augen eine Chance auf einen Job in der Medienwelt hat: Promoviert sollte man haben, nicht älter als 27 sein bei einer Bewerbung und bitte mit Berufserfahrung aus dem Ausland versehen.

Wir sahen uns an: Was viele von uns wollten, war etwas anderes. Wir wollten das, was auf der Welt passiert, aufschreiben. Wir wollten investigative Geschichten schreiben, Missstände aufdecken, atemberaubende Bilder drehen, Nachrichten in die Welt bringen, Mancher von uns auch einfach nur sein Gesicht in eine Kamera und vor ein Mikrofon halten. Andere wollten in die Öffentlichkeitsarbeit, PR-Kampagnen organisieren, Pressekonferenzen leiten und Marken ins Gespräch bringen. Wir wussten, beide Seiten der Kommunikation brauchen Handwerkszeug. Aber eine Promotion? Auslandsstudium? Wovon bezahlen? Wie alles gleichzeitig meistern - Doktorarbeit und Broterwerb und, God forbid, Luft für Dinge außerhalb des Pflichtenhefts wie Freunde, Weggehen und Sachen, die fürs Jungsein reserviert sind?

In unsere ratlose Stille hinein erhob di Lorenzo das Wort. Und er sagte Dinge, die - wenigstens mir - den Mut gaben, meinen Weg in den Journalismus abseits des Koordinatensystems von Ernst Elitz zu finden. Er sagte: Journalismus ist ein Begabungsberuf. Einen Doktortitel brauchen Sie nicht, wenn Sie es verstehen, gut zu schreiben. Seien Sie neugierig. Seien Sie hartnäckig. Und wörtlich:

"Wenn wir Sie vorne rausschmeißen, dann müssen Sie durchs Fenster wieder reinklettern."

Letzten Freitag war ich bei den Kollegen meiner neuen Stelle bei ZEIT ONLINE in Hamburg. Auf dem Weg durchs Gebäude wurden wir von einem Mann gegrüßt. Freundliches Lächeln, schöner Anzug. Ich erkannte ihn wieder. Gerne hätte ich ihm für seinen Rat damals gedankt.

Übrigens: Mein Abschlußzeugnis hatte ich im vergangenen Februar von einem der Dozenten erhalten, der mir in der Einführungsveranstaltung vor zehn Jahren nahegelegt hatte, etwas anderes als Publizistik zu studieren. Ich habe mein Studium mit einer 1,1 absolviert. Er hat mir gratuliert. Und konnte sich beim anschließenden Sekt-Empfang nicht mehr daran erinnern, je so demotivierend aufgetreten zu sein. Wir haben drauf getrunken, dass er´s heute nicht mehr ist.






Samstag, 26. Mai 2012

Die Korrekturen

Das Schöne an Blogs ist, dass man damit Dinge schreiben kann, die woanders keine Chance darauf haben, gehört zu werden. Wie wertvoll das ist, was Sascha Lobo die "Seele von Social Media" nennt weil es den Einzelnen eine Stimme gibt, erfahre ich heute am eigenen Leib.

Gestern erreichte mich eine e-Mail von Edith Hollenstein, Redaktorin beim Schweizer Medienbranchendienst persoenlich.com. Sie bat mich um eine Stellungnahme bezüglich meines beruflichen Wechsels, da sie darüber eine Meldung verfassen wollte. Soweit, so gut. Ehrlich gesagt war (und ist) mir nicht klar, warum der Wechsel eines solchen Social Media-Leichtgewichts wie mir eine Meldung in einem Branchendienst wert ist, aber gut. Die NZZ ist die Schweizer Publikation mit der grössten internationalen Strahlkraft, sie steht für 232 Jahre Qualitätsjournalismus. Sie hat eine Flughöhe, die dann offenbar auch Mitarbeiter wie Community-Redaktoren zu interessanten Gegenständen von Branchendiensten macht.

Umso wichtiger war mir, ein Statement beizusteuern, das meine Haltung klar widergibt. Folgende Korrespondenz führte ich mir Frau Hollenstein:




Was wurde daraus bei persoenlich.com? Zwei Fehler und eine Verkürzung meiner Aussagen. Und kein Wort meiner Mail wurde verwendet.

Zunächst mal wurde aus mir "Frau Leupold". Kein unverzeihlicher Fehler, allerdings schon absurd insofern, als dass mein Name zweimal deutlich in unserer Korrespondenz sichtbar ist. Und auf meinem Twitterprofil, von dem Frau Hollenstein wahrscheinlich den Link zum Blog hatte, den sie dann für den Artikel, den sie schrieb, benutzte.

Zweite Überraschung: Sie bittet mich um eine Mail, um dann keines meiner Statements zu verwenden. Stattdessen wurden zwei Sätze aus meinem Blogpost "Uff" genommen, angereichert um Sätze, die bestenfalls Vermutungen sind wie "Ausserdem wird deutlich, dass Leupold in Zürich nicht ganz glücklich wurde und sie Berlin vermisst."

Mich würde interessieren, was genau Frau Hollenstein zu ihrer ersten Aussage in diesem Satz bewegt. Für alle, die es interessiert, gibt es hier noch mal meinen Blogpost zum nachlesen. Ich schreibe darin u.a. "Ich habe in der Schweiz ganz grossartige Menschen kennengelernt, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen. Leute, die an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben, als ich mich auf feste Jobs bewarb mit frischen Examen und Studentenjoberfahrung" . Ob in Aussagen wie diesen das blanke Unglück über meine Zeit in der Schweiz durchscheint, müssen die bewerten, die sie lesen. Ich glaube, Frau Hollenstein irrt sich. Und ich glaube, sie macht das auf Kosten journalistischer Sauberkeit. Und ich finde das nicht gut.

Noch eins: Dass Aussagen wie "Doch, dass sie gerade jetzt, nur gerade eine Woche nach dem Ende ihrer dreimonatigen Probezeit, kündigt, ist ärgerlich" schlichtweg falsch sind, hätte Frau Hollenstein bemerkt, wenn sie mal nachgefragt hätte. Ich habe genau zum Ende meiner Probezeit gekündigt.

Und das nach langen Abwägen, Überlegen, Ringen. Dies darzulegen, versuchte mein Blog. Frau Hollenstein hat ihn erfolgreich ignoriert.

Ein Gutes hat die Sache: Sie kann mir zukünftig als negative Benchmark zum Thema "Journalistische Recherche im Social Web" dienen. Danke dafür.



Udpate 27.05.: Frau Hollenstein hat mir gemailt. Sie wird meinen Namen korrigieren und ein Zitat meiner Mail verwenden. Find ich souverän und gut.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Uff

Und dann ist es raus. Die Entscheidung, mit der du dich seit Wochen gequält hast. Die du getroffen, verworfen und wieder getroffen hast. Die mehr betrifft, als dein berufliches Fortkommen. Die dich hat Zweifeln machen an der Wahrnehmung deiner Integrität. Die deinen Freund betrifft. Die deine Familie betrifft. Die die betrifft, die Vertrauen in dich gesetzt haben und setzen.

Ich habe mich heute entschieden, nach knapp einem Jahr in Zürich wieder zurück nach Berlin zu gehen. Ausschlaggebend war ein Angebot von Wolfgang Blau, ZEIT ONLINE als Social Media-Redakteurin zu unterstützen. Mal davon abgesehen, dass es das Ego kitzelt, wenn man gefragt wird, ob man einen Job machen will, hat es mich sofort gereizt,  ein Projekt wie ZEIT ONLINE zu unterstützen, das in meinen Augen schon so vieles so richtig macht, was Journalismus im Jahr 2012 angeht. Ehrlich gesagt war ZEIT ONLINE für einige meiner Ideen für NZZ.ch Benchmark: Leserbeiträge, smarte Kommentarthreads (neben denen, die Sascha Lobo in seiner SPON-Kolumne treffend als "Digitale Spiesser" des simplen Rechthabenwollens bezichtigte. Eine sehr erkenntnisbringende Typisierung von Online-Kommentatoren findet sich in der Präsentation meines zukünftigen Kollegen Sebastian Horn), Blogs mit mehreren Autoren, Redakteure, die mit Nutzern über ihre Arbeit kommunizieren.  Wie kann man ablehnen, wenn der Klassenprimus anruft? Der Reiz ist gross. Genauso gross wie vor sechs Monaten, als ich mich bei NZZ.ch bewarb und in zwei ziemlich krassen Bewerbungsrunden (u.a. mit dem fabelhaften und aus Sicht eines Bewerbers leider sehr kenntnisreichen Peter Hogenkamp) meine Eignung und meine Motivation darlegte, ein Traditionshaus wie die "Alte Tante" fit für das Social Web zu machen.

 Was fehlen wird: Blauer Himmel. Viel davon.

Ich habe mich damals, wie auch bei meinem ersten Job in der Schweiz, gegen Schweizer Bewerber durchgesetzt. Genau das ist ein Faktor, der mich intensiv über meine Entscheidung nachdenken liess. Denn er spielt in das komplexe Thema "Deutsche in der Schweiz", zu dem ich ein andernmal ausführlicher bloggen will. Wenn ich einen Job kündige, bei dessen Besetzung ich mich gegen Schweizer durchgesetzt habe, dann sendet das gegebenenfalls das Signal: "Auf Deutsche kann man sich eh nicht verlassen."

Mir würde es weh tun, als ein Vertreterin der von Schweizern beobachteten Spezies "Kommt her und haut ab, sobald sich Gelegenheit ergibt" wahrgenommen zu werden. Ich habe mir meine Entscheidung nicht leicht gemacht. Ich gehe nicht, weil ich "mit der hiesigen Art" nicht zurechtkomme, wie mir gegenüber von (wohlmeinenden) Kollegen vermutet wurde.

 Was fehlen wird: Schöne Stadtansichten.

Ich habe in der Schweiz ganz grossartige Menschen kennengelernt, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen. Leute, die an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben, als ich mich auf feste Jobs bewarb mit frischen Examen und Studentenjoberfahrung. Ich habe in Zürich und in Bern zwischenmenschlich nichts erlebt, was ich nicht auch wo anders hätte erleben können. 

Nichts? Fast nichts. Ab und zu schien es durch, der kleine Unterschied. Das Deutsch-Sein. Ich habe unterschätzt, was es bedeutet, professionell in einem Land Kommunikation zu betreiben, dessen Sprache du nur zu sprechen glaubst. Es bedeutet das Erleben von Reibungsflächen. Wenn man Online arbeitet, tendiert man dazu, das Internet und eben nicht nationalsprachliche Grenzen als Leitplanken der eigenen Arbeit anzusehen. Dass dies falsch sein kann, erfuhr ich, als ich das erste Mal "Redakteur" statt "Redaktor" schrieb oder Formulierungen, die ich für das Community-Management verfasste, als "zu Deutsch" kritisiert wurden.

Das sind aber keine Dinge, die mich zum Weggehen gebracht haben. Ich mache mir noch meine Gedanken um diese Dinge. Ich habe kein Kopfschütteln, kein Zähneklappern, keine Ablehnung, aber auch keinen Beifall dafür parat. Ich muss darüber nachdenken, wie ich was finde, denn die Dinge sind komplex. Das ist banal, aber wahr. Es gibt nicht "Die Schweizer" hier und "Die Deutschen" da. Es gibt überhaupt nicht sowas wie "Die".

Was fehlen wird: Das Lächeln im Service.

Ich gehe nicht, weil Zürich mich wegstösst. Ich gehe, weil Berlin mich zieht. Weil die Grösse der Stadt mir so fehlt. Das Eintauchen in den Moloch. Die breiten Strassen. Die schnellen Trams. Das Radfahren ohne hügelbedingten Zwang zur Mountainbike-Ausdauer. Die Ringbahn (wenn sie denn mal fährt). Das Gefühl, morgens aufzuwachen, und nicht zu wissen, was Abends ist. Die Stadt, in der du, wenn du es willst, Nachts um 4 Uhr Milch kaufen kannst. Oder Klebestreifen.  Oder Hefeweizen. Oder alles zusammen. Die Stadt, in der so viel schief geht, dass alles andere als Gelassenheit zu einem frühen Herztod führt. Die Stadt, die mir fehlt.

Und jetzt: Durchatmen.
 Was verdammt fehlen wird: Der See.

Sonntag, 29. April 2012

Austin, Piraten, Postsecret

In der letzten Zeit bin ich in der priviligierten Lage einem neuen Blog beim Entstehen und einem Blogger bei der fiebrig-freudigen Auseinandersetzung mit dem Wunder der tausend Ideen, die per "Publish" in die Welt gestossen werden können, zuzusehen. Den Enthusiasmus, der einen dazu bringt, an einem Sonntag 6:30 Uhr mit dem Notieren der neuesten Posting-Ideen in den Tag zu starten, teile ich nicht, gleichwohl weckt es die alten, schreibmüden Bloggergefühle und sorgt für ein Aufbegehren, nur noch einmal die gleiche Freude am Schreiben und am Entfalten der eigenen Ideenwelt zu erleben wie am Anfang, als man noch so begeistert über verkaterte Neujahrsmorgen und prominente Doppelgänger schreiben konnte. Man könnte sagen, ich bin Al Pacino in "Der Geruch der Frauen", nur dass die Frauen Blogs sind und ich nicht blind sondern schlichtweg faul und desillusioniert. Wer das Gegenstück zu Chris O´Donnell in dieser Analogie ist, dazu gilt es Schweigen zu bewahren, denn wer will schon mit dem sidekickstigen aller Batman Sidekicks verglichen werden.

Was gibt es zu verbloggen? Da wäre die kürzlich angetretene Reise zur SXSW Interactive 2012 nach Austin. Schon um Weihnachten letztes Jahr herum erhielt ich Nachricht, dass ich für die NZZ zu einer der grössten Netzveranstaltungen der Welt reisen dürfte. Und das mir, die sich seit Jahren hochnäsig vorm Besuch der re:publica drückt, in erster Linie, weil schon der Anblick der wartenden Crowd auf den Treppen vorm Veranstaltungszentrum meine Lust vergehen liessen (zu den grossen Standortvorteilen des Netzes gehört doch gerade, direkten menschlichen Kontakt zu Gunsten von Errungenschaften wie Tiervideos und Pornographie aufzugeben). Ausserdem waren da die einschlägigen Tweets von Ex-Handelsblattredakteuren mit verdrahteren Ambitionen gewesen über auf der #rp10 verfügbare Erfrischungsgetränke, die das Gefühl gäben, man sei ja gar nicht mehr in der "Zone".
 
Texas also. Soweit kommen die deutschen Netznasen nicht, dachte ich*. Mit der freundlich-kollegialen Aufmunterung, ich sei "dritte Wahl" - die Tickets waren ursprünglich für andere Teilnehmer gekauft worden, die nun aufgrund organisationeller Verpflichtungen nicht mehr fahren konnten - und der Bitte einer meiner besten Freundinnen, ihr J.R. Ewing Devotionalien wie eine Plüsch-Leber mitzubringen, verliess ich Zürich. Und landete in einer unerwartet liberalen, urbanen Geek-Metropole: Bis unters Dach mit Festivalbesuchern ausgebucht, voller Fahrradrikschas, freien W-Lan, ironischen T-Shirt-Beschriftungen mit Metaebene, Live-Musik aus allen Bartüren bis in die Nacht und koreanisch-texanischen Foodtrucks, kurzum "Endlich normale Menschen".

 Capitol, wacklig.

Das Beste von Austin kam zum Schein, als nach zwei Tagen Dauerregen die Sonne durchbrach und all diejenigen, die ihre kaugummibunten Tops und die "Highlight"- Giveaway-Sonnenbrillen ausführen wollten genau dies tun konnten: Auf den Strassen der Innenstadt, vor den Foodtrucks zwischen Hochhäuserzeilen, in den Sponsorzelten auf durchweichtem Gras, auf für Autos gesperrten Strassen feierten wir ein Fest. Und Ja, es ging immer wieder ums "nächste grosse Ding" nach Twitter und Oh my god, did you see this app, that´s so awesome, aber hey. Genauso lag ein Riesenhaufen Legosteine im Tagungszentrum an dem sich zwei Dutzend Menschen mit Festivalbändchen stundenlang abarbeiteten.
Arbeitsort: Hotelterasse Downtown Austin.


Und genauso seufzten 3000 Leute bei einer der Postsecret-Präsentationen von Frank Warren. Der Blog, der jeden Sonntag Postkarten mit Geheimnissen in die Welt trägt und mein Credo zum gerade momentan wieder durchgehechelten Sujet des Netzexhibitionismus geformt hat: Scham und Angst machen klein und lähmen.  Teilen hilft. Wer (mit)teilt, was ihm Angst macht oder von dem er denkt, dass es ihn zum Pariah macht, der wird das Netz als Ort finden, an dem es andere gibt wie ihn. Der wird seine Scham überwinden können. Der Haken an der Sache ist, dass das Netz keinen Filter der gesellschaftlichen Wünschenswertheit** vor Publikationen setzt. Pro Ana-Freunde finden Gleichgesinnte, genau wie dies die Menschen tun, deren grösste Scham ist, gern unter der Dusche zu pinkeln. Das Netz ist kein Richter. Es legt die Aufgabe, zu richten, in die Augen seiner Nutzer. Das Feststellen der Delegation der Pflicht sollte 2012 eine Banalität sein, ist es aber nicht, wenn man mal alle diejenigen fragt, die ihr Geld damit verdienen, denen, die das Netz nicht nutzen, zu erklären, dass es sich bei "diesem Internet" nicht um das Ende der Welt handelt.

Genau das kam mir auch wieder in den Sinn, als ich den Versuch, die Piratin Julia Schramm politisch zu vernichten - als nichts anderes kann meiner Meinung nach der Artikel von Melanie Mühl in der FAZ von vorgestern gelesen werden - las: MM macht sich zum Richter des Blogs und des Twitterfeeds von JS. Sie verurteilt aber nicht, dass JS diese Kanäle nutzt. Was M. Mühl suspekt ist, ist der "Ich-Roman", den Blog und Twitter bilden, sie kritisiert das "Wie". Sie will nichts mitgeteilt bekommen, keinen mäandrierenden Meinungsbildungsprozess, keine Befindlichkeiten. Nichts Menschliches soll aus den Kanälen eines politisch Agierenden kommen. Dabei sind es genau der "Exhibitionismus" und auch die Widersprüche, die online geäussert werden weil der Kanal das leichte Mitteilen nahe legt, die eine Chance sind für unsere Sicht auf Politiker: Sie erleichtert Rechenschaft. Und sie geben den Blick frei darauf, wo die Grenzen zwischen Parteilinie und persönlicher Überzeugung verlaufen.

Die Augenhöhe, dieses strapazierte Wort: Sie ist denen suspekt, die sozialisiert sind in einer publizistischen Welt des Verlautbarens statt des Diskurses, denjenigen, die ihr Selbstbewusstsein daraus ziehen, dass ihr Inhalt unter "Artikel" steht und nicht unter "Kommentar" oder "Blog Post". Ein Politiker, der so kommuniziert - widersprüchlich, menschlich, chaotisch, nachvollziehbar, privat, professionell, alles in einem Kanal: Der kann ja nicht zurechnungsfähig sein. Den muss man lächerlich finden. Denken sie. Verurteilen des Heilsversprechen durch eine diskursive Öffentlichkeit im Netz während sie es in Offline-Kanälen selbst für sich in Anspruch nehmen.

Über die Art, die die FAZ die Piraten nutzt (oder läuft es umgekehrt) um Profil zu gewinnen, denke ich derzeit allgemein viel nach. Ich frage mich, warum man JS verreisst, Marina Weisband ein Blog gibt, Christoph Lauer einen Gastbeitrag anbietet. Ich frage mich, ob die Transparenz der Piraten und ihre damit auch öffentlich leicht ablesbaren Animositäten zum Nachteil gereichen wenn sie wie Marionetten von einem Medium je nach verteilter Rolle - Widersprüchlicher Vieltwitterin,  optimistischer Antitroll-Idealistin, schambefreiter Lautsprecher - je nach Lust und Laune als Trafficmaschinen angeheuert werden. Ich frage mich, ob sie miteinander sprechen, die Protagonisten des Theaterstücks, dass einzig und allein faz.net Profil bringt weil man auf Leserschaft derer spekuliert, die sich mit den Piraten beschäftigen - nicht zwingend die gleiche Gruppe, die ein Jahresabo der gedruckten Ausgabe für 540 Euro erstehen würden. Ich frage mich, was die von Schirrmacher gekaperten Piraten einander erzählen. In den DMs. Und dann warte ich einfach auf die nächsten Tweets und denke es mir.

Was soll das heissen? Dass online gut ist. Aber dass es Fallstricke mit sich bringt, eben nicht miteinander zu sprechen, vor allem wenn man eigentlich ein gemeinsames Ziel verfolgt. Dass der Fakt, dass jemand twittert, ihn nicht zu einem schlechten Politiker macht. Dass der Fakt, dass jemand keine Korrekturschleife für seine Online-Kommunikation benutzt und man das beanstandet mindestens genausoviel aussagt über den, der richtet wie über den, der gerichtet wird. Und, dass meine Fähigkeit, einen langen, kohärenten Blogpost an einem sonnigen Sonntagnachmittag zu verfassen, begrenzt ist. Glücklicherweise is das nicht weiter schlimm, es hat Platz und Zeit für mehr. All the news thats fit to blog are way more than all the news that fit to print. Aber wem sage ich das.

*und irrte - aber immerhin blieben sie unter sich - siehe der eigens angemietete Foodtruck von Menschen im Online-Geschäft aus Hamburg, der nur per Gästeliste zu betreten war und entsprechend dann auch nur von Hamburgern, die sich in Hamburg auf die Gästeliste hatten schreiben lassen, besucht wurde. Way to go, Reeperbahn! Für Sektierertum und Fischklüngel lohnt der Flug über den Atlanktik.

**das Tolle an Blogs ist ja, dass man genau solche zweifelhaften Wörter beutzen kann. "Wünschenswertheit" passiert genau ein Korrektorat auf dieser Welt und zwar das in meinem Hirn.

Donnerstag, 12. April 2012

Sachen, die ich mache, wenn ich nicht hier bin.

Jedesmal, wenn eine Festanstellung geboren wird, stirbt ein Blog, so ein altes Sprichwort aus den Weiten des Internets. Um den Verendungsprozess aufzuhalten, greife ich heute auf das Oil of Olaz der Publizistik zurück: Ich verwende Material, das an anderer Stelle bereits publiziert wurde. In meinem Fall handelt es sich um ein Interview zum Thema "Social Media und Journalismus", das Zanet Zabarac, Studentin der Uni Sankt Gallen mit mir heute morgen geführt hat. Das Interview macht sich gut als Antwort auf den Elternklassiker "Und was genau arbeitest du da jetzt?", den Menschen mit Broterwerb am schönsten Ort der Welt, nämlich dem Internet, häufiger hören.

Liebe Eltern, liebe Leser: Genau das macht eine Redakteurin Community /Digital bei der Website einer Zeitung. Zumindest wenn diese Person Ich ist.

F: Erzählen Sie, was Sie so machen…
A: Ich wurde angestellt als Community Redakteurin. Diese Rolle sieht vor, das, was es schon an Community-Aktivitäten bei der NZZ gibt, zu sichten, zu ordnen und einen Überblick darüber zu verschaffen, wo wir eigentlich stehen. Darüber hinaus auch Ziele zu definieren, wo wir hin wollen und unsere Strategie aufzusetzen. Es geht auch darum, Manpower einzusetzen, um User Generated Content richtig in die journalistische Arbeit einzubeziehen. Ich denke in vielen Häusern ist der Fall jener, dass man sich zwar zur Interaktion geöffnet hat, indem man Kommentare zulässt, einen Facebook- und Twitterkanal hat, aber an der Feedbackschleife, also eigentlich dem, was Social Media so grossartig macht, an dem scheitert es oftmals aufgrund von Arroganz, Unwillen, aber hauptsächlich wegen fehlender Zeit. Das hat man hier erkannt und mich geholt. Meine Rolle ist es, diese Feedbackschleife herzustellen.

F: Und wie sind Sie zu Social Media gekommen?
A: Ich habe meinen Weg zu Social Media durch das Bloggen gefunden. Das Social Media Thema hat sich damals immer auf einer Parallelebene befunden, neben meiner privaten Nutzung. Wobei ich finde, dass diese Grenzziehung zwischen privater und beruflicher Nutzung, für jemanden, der modern publiziert, sehr schwierig ist.

F: Welchen Einfluss haben Social Media auf ihr Tagesgeschäft?
A: Es ist sehr wichtig zu betonen, dass die verschiedenen Ressorts sehr unterschiedlich mit Social Media umgehen. In der idealen Welt hätte man einen End to End-Prozess; in dem der Publizist schreibt, Korrektur lesen lässt, eine runde Sache daraus macht, den Artikel publiziert, die Reaktionen darauf einsammelt und auf die Interaktion achtet. In der realen Welt hat man in der Nachrichtenredaktion die Situation, dass man aber weiter produzieren muss. Man kann nicht zurück in die Feedbackschleife gehen, um zu sehen, wer jetzt was noch geschrieben hat; man muss schon am nächsten Artikel arbeiten. Im Ressort Digital, wo ich arbeite, ist es auch mal möglich, länger an einem Artikel zu schreiben und intensiver zu recherchieren und man kann dann auch bei der nächsten Recherche Zeit finden, um zurück zu gehen. Aber das ist sehr ressortspezifisch. Im Digitalen, Feuilleton und vielleicht noch in der Wirtschaft ist das möglich, in der tagesaktuellen Politik sicher nicht. Da braucht es eben genau solche Relaisstationen wie mich, die das Feedback für alle anderen einsammeln und weitergeben.

F: Wo sehen Sie Unterschiede zwischen dem klassischen Journalismus und dem Journalismus, der Social Media mit einbezieht?

A: Eigentlich hat sich nicht so viel verändert. Journalisten haben immer schon Laien genutzt, um Geschichten zu generieren. Was sich verändert hat, ist das Ausmass, in welchem Meinungen solcher „Nicht-Profis“ verfügbar sind und damit auch der Aufwand, aus diesen klugen Stimmen Inhalt zu generieren. Ich denke, das, was sich am meisten verändert, ist der Anspruch an Journalisten, diese Werkzeuge zu bedienen. Es reicht nicht zu wissen, dass es Twitter gibt, man muss wissen, wie man aus diesem Werkzeug Geschichten ziehen kann.

F: Wo sehen Sie Chancen und wo Gefahren, die sich durch den Einbezug von Social Media in die journalistische Praxis, ergeben?
A: Die Chance ist, dass man auch im internationalen Nachrichtenmarkt, viel mehr Stimmen und Quellen einfangen kann. Die Gefahr ist, dass man, gerade weil es so viele Beiträge gibt, in der Quellenprüfung versagt.

F: Sehen Sie in partizipativen Formaten eine Konkurrenz oder Ergänzung zum professionellen Journalismus?
A: Eine Konkurrenz sehe ich überhaupt nicht. Ein Journalist verfolgt ganz andere Motive als beispielsweise ein Blogger; Er legt Nachrichtenwerte zu Grunde, überprüft Fakten und hat mehr als eine Sicht der Dinge. Der Blogger versucht das darzustellen, was er in seinem Leben gelernt und validiert hat, holt aber nicht fünf andere Meinungen ein. Ich glaube in Ergänzung zu einander, kann daraus eine gute Publikation entstehen.

F: Denken Sie, dass Social Media noch mehr an Relevanz für den Journalismus gewinnen werden?
A: Ich glaube es hängt davon ab, wie geschickt sich Journalisten Werkzeuge der Social Media aneignen werden. Wenn das passiert, dann können Social Media zu einer extremen Bereicherung für den Journalismus beitragen.

F: Sollte Ihrer Meinung nach, in Zukunft jede Redaktion einen Social Media-Redakteur beschäftigen?
A: Man sollte auf jeden Fall darüber nachdenken. Ich glaube, dass in der Welt von Social Media, Gespräche über dich als Medienmarke geführt werden, ob man daran Teil hat oder nicht. Wenn ich als Marke die Wahl habe, dann möchte ich daran teilnehmen. Deswegen geht man auf solche Plattformen, um sich eine Stimme zu besorgen.

F: Was sind Einschränkungen?
A: Wie gesagt, jeder Journalist sollte die Verantwortung für seinen Artikel übernehmen und von sich selbst aus mit Social Media arbeiten. In der realen Welt gestaltet sich dies wegen des Zeitdrucks aber schwierig. Man kann keinen Journalisten dazu zwingen, mit Nutzern zu arbeiten, aber ein guter Journalist wird das tun, weil dies seine Arbeit stark bereichern kann.


F: Wie nutzen Sie Social Media zur Themenfindung und Recherche?
A: Ich schreibe im Digitalressort, da stammen die Nachrichtenquellen zu einem signifikanten Teil aus Blogs. Die Blogs sind auch für Unternehmen viel direktere Wege geworden, etwas zu kommunizieren. Manchmal stellt man auch eine Frage direkt ans Publikum und schaut, welches Feedback man erhält. Wobei ich da eher kritisch dazu eingestellt bin. Es kann nicht sein, dass man mal auf Twitter nachfragt und das war’s dann mit der Recherche. Das ist nur ok wenn es in Ergänzung zu mehr Recherchequellen erfolgt.

F: Auf welchen Social Media Plattformen verbringen Sie im Bezug auf Ihre journalistische Tätigkeit, die meiste Zeit?
A: Blogs und Twitter.

F: Warum gerade auf diesen Plattformen?
A: Blogs sind Gradmesser für Trends und leisten eine gute Vorleistung, auf die man als Journalist drauf setzen muss. Ich nutze natürlich auch andere Kanäle, ausser Facebook. Das hat was mit meiner Einstellung zu journalistischen Ethik zu tun. Ich finde es problematisch, dass man in einem geschützten sozialen Netzwerk rumwildert und nach Informationen sucht, die Leute vermutlich als für gesichert erachten.

F: Wann sind Social Media besonders für die Recherche geeignet?
A: Ich glaube, das kann man nicht gegeneinander ausspielen. In Ergänzung zueinander erreicht man sicherlich das beste Ergebnis. Ein guter Journalist wird nie nur eine Quelle benutzen. Wenn es darum geht, eine gewisse Langfristigkeit einer Geschichte nachzuvollziehen, dann sind Blogs ganz toll, weil sich da jemand über eine lange Zeit sehr intensiv mit einem Thema beschäftigt hat.

F: Wie überprüfen Sie die Glaubwürdigkeit?
A: Das klingt vielleicht albern, aber das erste sind mein Bauchgefühl und Instinkt. Danach muss man einfach weiterrecherchieren. Alles googeln was man noch zu diesem Thema finden kann und schauen, ob man vertrauenswürdige Verbindungslinien ziehen kann. Es ist auch durchaus sehr oft der Fall, dass man einfach mit den Leuten spricht; eine E-Mail schreibt oder ein Telefonat führt.

F: Wo liegen im Vergleich zu anderen Recherchequellen die Stärken von Social Media-
Plattformen?
A: Die vielgrössere Bandbreite an Quellen und potenziellen Gesprächspartnern. Das kann kein anderer Kanal.

F: Wie gehen Sie vor, beim Filtern von Online-Inhalten, Beiträgen, Kommentaren, etc.?
A: Die Herausforderung besteht nicht nur darin, die Werkzeuge zu nutzen, sondern sie auch klug zu nutzen. Beispielsweise indem man sich kluge Listen mit klugen Leuten zusammenstellt und verlässlichen Menschen folgt. Diese Sachen muss man sich langsam aufbauen, was vermutlich auch die grösste Hemmschwelle bei der Arbeit mit Social Media bei Journalisten ausmacht.


F: Holen Sie Meinungen aus der Community ein, bevor Sie mit dem Schreibprozess beginnen?
A: Definitiv. Ich hätte mir auch vorstellen können, eine Geschichte darüber zu schreiben, wie die Community auf den Kauf von Instagram durch Facebook reagiert hat. Dann wäre die Community die Geschichte und das ist bei Branchennews oft der Fall. Da gehört es dann dazu, Stimmen und Meinungen einzuholen und diese abzugreifen, zu gewichten und einzuordnen.


F: Wie lassen Sie Nutzer an Ihrem Schreibprozess teilhaben?
A: Ich kenne viele Kollegen, die sagen, wenn sie morgens anfangen, hätten sie ihre Geschichte schon im Kopf. Ich versuche das differenzierter zu veranstalten. Ich glaube es ist so, dass man eine Idee hat, recherchiert und dann die Geschichte entsteht. Die Recherche passiert eben unter Einbeziehung von Stimmen. Insofern beeinflussen Stimmen oder unsere Leser definitiv das, was ich schreibe.

F: Welche Social Media Tools nutzen Sie für die Interaktion mit Nutzern?
A: Bei uns im Haus ist es die eigene Kommentarfunktion, Twitter sowie Facebook und in ganz geringem Masse Google+. Parallel schauen wir, welche Tools sich aufbauen und ob diese etwas für uns sein könnten. Im Moment besteht die Basis daraus, diese drei Kanäle gut zu bespielen.

F: Wie gross ist die Zahl der Rückmeldungen aus dem Publikum?
A: Kann ich nicht wirklich beurteilen, weil ich keinen richtigen Massstab ansetzen kann, also keine Zahlen anderer Medien mit ähnlichen Leser- und Werbemarkt gesichert kenne. Ich schätze wir haben an einem guten Tag 600-700 Kommentare. Das Publikum hat auch etwas davon, weil das Produkt, das sie konsumieren durch ihr Feedback besser wird. Es hat sich mittlerweile durchgesetzt, dass wir gemeinsam an einer publizistischen Qualität arbeiten. Die Nutzer schätzen dies auch sehr; die meisten positiven Rückmeldungen erhalten wir auf Facebook und Twitter – auf unserer eigenen Kommentarfunktion läuft das anders ab. Ich schätze dies liegt auch daran, wie Menschen die Zeitungen wahrnehmen. Wenn man im sozialen Netzwerk unterwegs ist, entscheidet man sich bewusst dazu, dieses Medium zu nutzen, z.B. indem man auf „Gefällt mir“ drückt. Eine Zeitungswebseite ist ein komplett anderer Ort; man ist eigentlich nicht bemüht diesen Ort sauber zu halten, was sicherlich auch mit der Identität, die man im Internet hat, zusammenhängt. Auf Facebook ist man mit einem Profilfoto und wahrscheinlich mit dem Klarnamen und deshalb auch darum bemüht, sich nicht als Trottel zu outen oder Leute zu beschimpfen. In unserem Kommentartool ist das nicht unbedingt der Fall; man kann unter einem Pseudonym kommentieren – was wir aber auch wollen, da man journalistisch auch durchaus davon profitieren kann, z.B. wenn es um Informationen geht.

F: Wie reagieren Sie darauf?
A: Was wir merken ist, dass je mehr wir machen, je mehr wir in die Interaktion gehen, desto mehr gute Dinge passieren. Ich finde es wichtig, in Situationen, die eskalieren, einzugreifen. Der zweite Schritt ist, dass man direkt mit den Leuten spricht und der dritte, dass man den Thread schliesst. Auf Facebook erhalten wir viel mehr Anregungen; da können wir auch viel direkter darauf reagieren. Es kommt auch vor, dass wir Fragen stellen, wie die Leute zu einem Thema stehen. Dann kommen Antworten und auch neue Fragen, wo ich dann viel besser darauf eingehen kann. Im Kommentartool ist es meisten so, dass man auf inhaltliche Fehler aufmerksam gemacht wird, in diesem Falle besteht die Interaktion eigentlich nur daraus, dass ich rein gehe und mich für den Hinweis bedanke. Meine Erfahrung ist, dass die Leute sehr dankbar sind und es sehr schätzen, wenn sie ernst genommen werden. Ich denke, wenn wir das schaffen, dann haben wir viel geschafft, weil wir endlich Augenhöhe hergestellt haben und nicht mehr diejenigen sind, die aus einem Elfenbeinturm dozieren. Die Zeiten sind lange vorbei.


F: Schreiben Sie Artikel fertig oder lassen Sie den Artikel „wachsen“ durch den Einfluss von
Meinungen aus der Online-Community?
A: Natürlich lassen wir sie wachsen. Ein konkretes Beispiel meines Kollegen aus dem Ressort Digital: Er wurde auf Twitter suspendiert, bzw. der Account wurde gesperrt, ohne dass er wusste wieso. Für uns im Ressort Digital ist damit ein wichtiges Werkzeug weggebrochen und von Twitter kam gar kein Support. Daraufhin hat mein Kollege einfach einen Artikel darüber geschrieben, wie doof sich das nun anfühlt; im Prinzip ging es um die Supportkultur von Twitter. Daraufhin ist dann die Twittermaschine angesprungen; die Sprecherin von Twitter Deutschland hat sich über Twitter bei uns gemeldet und geholfen. Danach haben wir den Artikel natürlich aktualisiert. Das ist ein Beispiel dafür, dass Artikel durch die Interaktion mit Nutzern wachsen können, auch wenn in diesem Falle die Nutzer hohe Tiere bei Twitter waren.

F: Welche Motive verfolgen Sie damit?
A: Erstmals ist es schlichtweg eine Bereicherung und Verbesserung unseres Inhalts. Wir wollen in einen aufrichtigen Kontakt mit dem Nutzer kommen, vielleicht auch eine grössere Bindung herzustellen. Ich glaube, dass Nutzer einem Medium, das auf Inputs reagiert und mit seinen Lesern spricht, eher folgen werden, als einem, dass dies nicht tut. Ich glaube es ist auch wichtig zu betonen, dass Social Media nicht bedeutet, dass man sich jedem Leserdiktat unterwerfen muss; es gibt auch ganz viele dumme Menschen im Internet. Aber da, wo es angebracht ist zu reagieren, kann dies positive Effekte für das publizistische Produkt haben. Und nicht zuletzt die Leserbindung stärken.

F: Werden Ihnen auch ganze Texte oder Bilder eingesendet?
A: Ist mir persönlich noch nicht passiert, aber ich denke, das ist durchaus noch möglich.

F: Sind es meist die gleichen Leute, die kommentieren?
A: Definitiv. Auf unser eigenen Plattform ist es unser grösstes Problem, dass wir sehr toxische und thematisch fokussierte Kommentare ohne Debattencharakter erhalten. Ich denke es geht vielen Medien so wie uns; wir haben einen harten Kern von zehn bis zwölf Leuten, die immer über bestimmte Themen schreiben und gezielt jeden Artikel nach diesen durchforsten und eine Kommentarschlacht anzetteln, um ihre Meinung kundzutun. Ohne Offenheit für andere Standpunkte, ohne Beweise für Behauptungen. Das ist nicht nett, weil das uns in unserer journalistischen Arbeit nichts bringt, wir aber auch nicht sagen können, dass wir das Kommentartool ausmachen. Wir wollen mehr kluge, engagierte Köpfe auf dem Portal haben, aber solange die alten Köpfe auf dem Portal sind, gestaltet sich das sehr schwierig.

F: Entwickelt sich mit der Zeit ein Gefühl der kollegialen Zusammenarbeit?
A: In meinem persönlichen Account gibt es ein paar Kontakte, bei denen ich weiss, dass sie gute, verlässliche Quellen sind. Aber ich muss betonen, dass die Rede vom Journalisten als Marke schon stimmt, vor allem im sozialen Netzwerk. Das heisst einfach, dass ich nicht erwarten kann, dass ein Nutzer mit einem bestimmten Ressort in Verbringung tritt, er wird viel eher mit einer Person in Verbindung treten. Ein Journalist, der diese Marke gut aufbaut, wird einen Nutzen daraus ziehen können.

F: Haben Leser manchmal Fehler in Ihren Artikeln entdeckt?
A: Das passiert sicher einmal pro Tag, dass wir eine Rückmeldung zu Rechtschreibfehlern, Überschriftenfehlern, etc. erhalten. Dann wird das korrigiert und im Idealfall auch transparent gemacht, dass wir es korrigiert haben.

F: Wie offen sind Sie für Verbesserungsvorschläge seitens der Leser?
A: Der typische Journalist denkt, er hat mit diesem Artikel das Meisterstück abgeliefert und hat alle Stimmen gehört. Ich denke die Bereitschaft zur Selbstkritik ist nicht besonders ausgeprägt, da schliess ich mich auch ein. Wenn man ein bisschen Abstand einnimmt und sich auch bewusst macht, dass man vielleicht auch etwas aus der Stimme gewinnen könnte, dann wird das oft bestätigt. Ich bin da relativ offen, aber bei meinen Geschichten ist es -zum Glück- noch nicht oft vorgekommen, dass mich jemand heftig kritisiert hat.

F: Lassen Sie die Kommentare der Leser in Ihre Artikel zurückfliessen?
A: Wenn jemand in der Sache richtig liegt, dann werde ich ihm das auch so sagen und je nachdem den Artikel ergänzen.

F: Ist es bereits vorgekommen, dass Sie basierend auf einem Online-Kommentar eine Geschichte geschrieben haben?
A: Es ist anders rum; ich habe mir im Laufe der Zeit ein Netzwerk aufgebaut, auf das ich zurückgreife und dieses Netzwerk findet eben auch auf Facebook und Twitter statt. Meistens habe ich eine Idee, gehe dann ins Netzwerk und schaue, ob mir das Futter dafür liefert. Ich halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass das mal passiert.

F: Gibt es eine Frage, die ich Ihnen noch nicht gestellt habe?
A: Was man machen könnte, um diese vielen klugen Stimmen zu bekommen.

F: Was könnte man denn da machen?
A: Das ist die Frage, die ich mir selber stelle. Ich denke es hängt zum einen damit zusammen, welche Themen man auf seiner Plattform stattfinden lässt, welche Tonalität vorherrscht und welche Autoren man hat. Meine Strategie wäre es, zu versuchen die Stimmen zu kriegen, von denen ich glaube, dass sie Menschen anziehen, die ich eher hören möchte, als den superkonservativen frauenfeindlichen Islamisten oder den Anti-Islamisten. Im Grunde muss das Ziel sein, ein diverses journalistisches Angebot zusammenzustellen, um so verschiedene Stimmen auch in der Resonanz darauf reinzuholen.

Sonntag, 15. Januar 2012

Rant zum Sonntag

Mit dem Bloggen ist das so eine Sache: Um die Grenze des "Das müsste mal gesagt werden..."-Gedanken zum tatsächlichen Post zu überschreiten, braucht es einen Motivationsschub, der au s Emotion entstehen wird. Diese Emotion kann positiv und liebevoll sein (davon hörte ich zumindest mal), meiner Erfahrung nach ist sie meist eine aus Unverständnis und Kopfschütteln gespeiste "Mein Rant soll dich besseres lehren, Internet!"-Einstellung. So auch im heutigen Fall an dieser Stelle.
Es braucht viel, um mich aus der derzeitigen erwerbsarbeitsbedingten Kopfausschaltbedürfnisanstalt während marginaler Restzeitbestände zu holen, diesem durch meine Twittertimeline gespülte Blogpost zum Rückzug der Schleswig-Holsteinschen Grünen aus Facebook gelang eben dies. Womit die etwaigen Gründe die Mundwinkel hochzuziehen auch schon gezählt wären.
Auslöser meiner Aufregerei ist die Idee des Bloggers, Facebook als "Broken by design" zu bezeichnen mit der Begründung, es wäre nicht universell zugänglich, ergo die Abbildung politischer Diskurse dort fragwürdig und ein Grund Facebook aus dem öffentlichkeitskonstituierenden Potenzial des Internets auszunehmen, da es nicht die von Tim Berners-Lee postulierte "Universalität" als Basisprinzip des Internets beherzige:

"Universalität ist das grundliegende Design des Webs. Unabhängig von Hard- und Software, Netzwerkanbindung und Sprache soll es den Menschen möglich sein, jeden Inhalt in das Web zu stellen und auf eben diese Ressource zu verlinken. Das setzt zwingend Offenheit und Dezentralität voraus. Nicht ohne Grund war der Leitspruch des W3-Konsortiums, dem Gremium, das die zum World Wide Web gehörenden Techniken standardisiert, zunächst „Everyone’s a publisher!“. Jeder soll veröffentlichen können Das erfüllt Facebook nicht und ist deshalb kaputt."

Dieser Idee folgend wäre jedes "Netz im Netz" dem Prinzip der Universalität zuwiderlaufend und ein Ort des Unterlaufens von Öffentlichkeit bzw. Beförderung z.B. landespolitischer Diskurse zwischen Akteuren durch das Nichtvorhandensein von Barrierefreiheit des Publikationszugangs.
Nun ist es aber so, dass diese Idee der Barrierefreiheit die ist, die "boken by design" ist. Am griffigsten fasst es wohl die kommunikationswissenschaftliche Theorie der "Wissenslücke" zusammen: Unterschiede, die mit Alphabetisierung beginnen, über Aneignung von Bedienfertigkeiten bis zu individuell ausgeprägten Unterschieden zwischen Anwendern innerhalb ihrer technischen und intellektuellen Fähigkeiten gehen, machen die gesamte Idee der Universalität von Publikationszugang im Netz obsolet und zu einer reinen Idealvorstellung.

Anders ausgedrückt könnten sich die Grünen Schleswig-Holsteins mit der gleichen Begründung und unter gleichem wohlfeil aufgeregt tuenden Aufplustern von dem Versenden von Pressemeldungen an Zeitungen verabschieden: Schliesslich liest ja nicht jeder der so dringlich von ihnen informiert werden müssenden Menschen eben jene Zeitung, z.B. weil es sie an seinem Kiosk nicht gibt, er kein Geld hat, sie zu bezahlen oder der Sprache, in der dort publiziert wird, nicht mächtig ist.

Informationsverbreitung und Kommunikation ist und war nie eine Sache von Barrierefreiheit und kann es gar nicht sein. Das liegt in der Sache begründet, an Übertragungsfaktoren wie Sprache und technische Träger wie Medien gebunden zu sein. Fertigkeiten und Ressourcen technischer, monetärer und intellektueller Art können genauso gut als sich in den Weg von Publikationsoffenheit stellend betrachtet werden wie die Tatsache, dass Facebook eine Registrierung voraussetzt um sich dort zu exponieren und gegebenenfalls zu kommunizieren.

Was mich an der Aktion der Grünen stört, sind die Argumente, mit denen sie es tun: Niemand zwingt eine politische Partei, auf Facebook zu sein. Sie sollte es aber tun, wenn sie daran interessiert ist, Menschen zu erreichen mit ihren Ideen und glaubwürdig zu vermitteln, dass sie daran interessiert ist, eben genau dort auch stattzufinden, wo dies das Leben derer, die sie erreichen wollen, in Teilen abspielt.

Man kann nicht einem Club beitreten, dessen grundsätzlichen Beitrittsvoraussetzungen man ablehnt: Mit der gleichen Begründung könnten die Grünen Mitglied im Schützenverein werden und sich dann lautstark protestierend daraus zurückziehen, weil dort Waffen benutzt werden.

Facebook hat politischen Parteien nie eine Zwangsverpflichtung auf den Weg gegeben, dort aktiv zu sein. Es ist die Welt, in der Parteien eine Rolle spielen wollen, die sich diese Bühne gewählt hat um dort die Diskurse zu führen, die sie für wichtig erachtet. Die Konversation ist nicht barrierefrei - das war sie aber nie. Und niemand zwingt die Grünen, sie nur dort statt finden zu lassen. Es stehen ihnen Blogs, Podien und die gottverdammte Kieler Fussgängerzone zur Verfügung, um zugangsoffen ihre Ideen und Postulate mit Menschen jenseits dieses Social Networks zu diskutieren. Einen wichtigen Ort der Kommunikation aber erst ausfindig zu machen und dann wutschnaubend zu brandmarken und zu verlassen heisst, genau die Menschen, die dort gegebenenfalls noch in Kontakt mit Parteiideen kommen, zu ignorieren und hinter sich zu lassen.

Ob sie sich das wünschen, müssen die Grünen sich selbst beantworten. Ich meine, ein Akteur, der um gesellschaftliche Zustimmung buhlt, muss dort Präsenz zeigen, wo Gesellschaft stattfindet. Und das ist für immer mehr Menschen eben auch Facebook oder ein sonstiges Social Network. Das heisst nicht, die Bedingungen, unter denen dort agiert wird, kritiklos hinzunehmen. Es ist aber vermessen, die Vorteile einer Umgebung- das Erreichen derer, die man erreichen möchte- erringen zu wollen während man gleichzeitig die Bedingungen, unter denen das möglich ist, zum Teufel wünscht.